Als gelernter und studierter Softwareentwickler verfolge ich die aktuell rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz mit grosser Begeisterung – und, seien wir ehrlich, auch mit einer kleinen Portion Existenzangst.
Einerseits ist KI ein extrem mächtiges Hilfsmittel, das uns produktiver macht als je zuvor. Andererseits schwebt da immer wieder die Frage im Raum: Braucht es meinen Beruf überhaupt noch?
In diesem Blogpost möchte ich mich einem Trend widmen, der aktuell genau diese Diskussion befeuert: Vibe Coding.
Anders gesagt kann mit .NET Aspire entwickelt werden, als würde man mit einem Monolithen arbeiten, der in Wahrheit aber aus voneinander entkoppelten und unabhängigen Teilen besteht.
Was bedeutet Vibe Coding eigentlich?
Vibe Coding beschreibt das Erstellen von Software, indem man einer KI über Prompts erklärt, was man ungefähr möchte – den „Vibe“ eben – und die KI daraus lauffähige Software generiert. Kein detailliertes technisches Konzept, keine tiefgehende Architekturüberlegung, sondern eher:
Ich brauche eine App, die meine Kunden verwaltet, sicher ist, gut aussieht und bitte skalierbar.
Ein paar Prompts später läuft etwas, das tatsächlich funktioniert. Und genau hier wird es spannend – und gefährlich zugleich.
Warum Vibe Coding so verlockend ist
Vibe Coding fühlt sich ein bisschen an wie Zauberei, denn man erhält schnelle Resultate und ist für jedermann zugänglich. Somit können Protoypen innerhalb von Minuten statt Wochen erstellt werden.
Für kleine Tools, Automatisierungen, Proof-of-Concepts oder interne Helferlein ist das grossartig.
Man kommt schnell von der Idee zur Lösung – und das ist ein enormer Mehrwert, sowohl für Entwickler als auch fürs Business.
Das Experiment
Um das ganze ein wenig greifbar zu mache habe ich Copilot gebeten, das klassische Spiel Snake als HTML/JavaScript zu generieren. Ergebnis: Nach wenigen Minuten hatte ich ein spielbares Retro-Snake im Browser. Dies ist mein Prompt:
Ich möchte gerne das Spiel Snake als Web-Applikation umsetzen.
Die Spielregeln sollen so gestaltet sein, dass die Schlange durch die Wände fahren kann und am gegenüberliegenden Rand wieder erscheint.
Beisst sich die Schlange selbst in den Schwanz, ist das Spiel beendet.
Die Früchte, welche die Schlange frisst, sollen zufällig auf dem Spielfeld platziert werden und entsprechende Punkte vergeben, um daraus ein lokales Leaderboard zu erstellen.
Die gesamte Applikation darf gerne einen Retro-Look haben.
Copilot beginnt nun, meinen Prompt in einzelne nachvollziehbare Schritte auseinander zu pflücken und erstellt einen ersten Basis-Code. Hierbei kann ich - falls ich noch Anpassungen wünsche - diese vornehmen, bevor er den Code generiert. Anschliessend erhalte ich dieses Spiel:
Das ist Vibe Coding in Bestform: Schnell, funktional, macht Spass.
Der kritische Blick
Wenn man das Ganze mit einer „Engineering-Brille“ anschaut, sieht man typische Muster, die später in echten Projekten teuer werden:
- Keine System-Qualität:
Der Code erfüllt all meine Anforderungen („Snake bewegt sich“), aber er optimiert nicht automatisch für Wartbarkeit, Erweiterbarkeit oder klaren Verantwortlichkeiten. Alles wird in einem grossen File zusammen erstellt und die Funktionen sowei globale Variablen stehen wild im Code drin. - Timing und Input-Edgecases:
Die Richtungslogik erlaubt z. B. bestimmte schnelle Tastenkombinationen, die praktisch einem sofortigen Umkehren entsprechen – das wirkt im Spiel komisch und kann zu unerwarteten Selbst-Kollissionen führen. - Skalierung der Logik:
Die Position der Früchte wird per „try until it fits“ gesucht. Wenn die Schlange sehr gross wird, kann das extrem langsam werden – im Extremfall sogar endlos. - Teamfähigkeit und Struktur fehlen:
Game-State, Rendering, Input und Speicherung hängen in einem Script-Block zusammen. Für eine Demo ist das völlig in Ordnung aber für Weiterentwicklungen im Team ist dies sehr schweirig Erweiterbar. - Robustheit & Governance:
Das Leaderboard liegt im localStorage, ohne Validierung. Bei einem Spiel egal – bei Business-Software ein gutes Beispiel, warum man Datenquellen immer als „untrusted“ behandeln muss da sie einfach manipuliert werden können.
Der Vibe bleibt. Nur das Kartenhaus wird zum (instabilen) Gebäude.
Wo der Vibe kippt
Das Problem beginnt dort, wo aus dem kleinen Tool plötzlich „nur schnell“ eine produktiv eingesetzte Software oder ein Software-Produkt wird. Denn während die KI brav Code ausspuckt, kümmert sie sich eher selten darum, ob die Lösung mit einer sauberen Architektur aufgebaut wurde. Der Source Code wird nicht systematisch unter eine Source-Code-Verwaltung gestellt. Sicherheitskonzepte werden völlig ausser Acht gelassen. Die Wartbarkeit, Tests oder wie der Code schlussendlich (verteilt oder installiert) in die produktive Nutzung kommt, wird völlig vergessen. Von Datenschutz und Compliance reden wir schon gar nicht.
Kurz gesagt: all die Dinge, die man erst vermisst, wenn es weh tut.
Ein Projekt wächst, neue Features kommen hinzu, mehrere Personen arbeiten daran – und plötzlich steht man vor einem fragilen Konstrukt, das niemand mehr richtig versteht. Ein digitales Kartenhaus mit sehr guter Stimmung beim Bau, aber wenig Statik.
Vibe Coding ist kein Ersatz für Engineering – sondern ein Werkzeug
Unsere These ist deshalb klar:
-
👉 Vibe Coding ist hervorragend für kleine, klar abgegrenzte oder einmalig benutzte "Helferlein".
-
👉 Für nachhaltige, geschäftskritische Software braucht es weiterhin professionelles Software Engineering: Nicht als Gegenspieler zur KI, sondern als Gegenpol: Struktur, Erfahrung und Verantwortung.
Und genau hier kommen wir ins Spiel. Falls du bereits Software „auf Vibe“ gebaut hast – sei es ein internes Tool, ein Prototyp oder sogar ein Produkt – dann ist das ein erster Schritt. Wir schauen uns solche Lösungen sehr gerne gemeinsam an und helfen dabei:
- sie architektonisch sauber aufzustellen,
- sie sicher und wartbar zu machen
- und vor allem: Sie zukunftsfähig weiterzuentwickeln
Der Vibe darf bleiben. Wir sorgen dafür, dass er auch in zwei Jahren noch trägt und sich das Kartenhaus nicht in ein instabiles Gebäude verwandelt hat.
